02 Our StoryReportage · Lesezeit 4 Minuten

Milo
Hartmann.

Founder / Professional Coffee Drinker. 34, geboren in Kreuzberg, seit 2019 hinter der Theke in Neukölln.

Barista von hinten im weißen T-Shirt an der Espressomaschine, Schwarzweißfoto
Portrait, wie Milo es mag: von hinten.2019
Kapitel 01

Slides about brands nobody liked.

Milo hat Kommunikationsdesign studiert, weil er Dinge schön machen wollte. Danach hat er sieben Jahre in Berliner Agenturen Dinge schön gemacht, die eigentlich niemand brauchte: Markenwerte für Versicherungen, Moodboards für Joghurt, Präsentationen mit 84 Folien, von denen der Kunde drei gelesen hat.

Gut bezahlt war es. Gut fühlte es sich nicht an. Die einzigen ehrlichen zehn Minuten des Tages waren die am Morgen, im kleinen Café gegenüber vom Büro, wo die Frau an der Maschine seinen Namen wusste und nie fragte, „wie die Präsentation lief“.

Kapitel 02

Melbourne, oder: wie Kaffee schmecken kann.

Ein Sabbatical, eigentlich zum Surfen. Milo kam nach drei Tagen nicht mehr aufs Brett, aber jeden Morgen in dieselbe winzige Bar in einer Seitenstraße. Dort hat er zum ersten Mal einen Flat White getrunken, der nach etwas geschmeckt hat – nach Steinobst, nach Karamell, nach jemandem, der sich Mühe gibt.

Er hat Fragen gestellt. Zu viele. Irgendwann durfte er hinter die Theke. Röstprofile, Mahlgrade, Herkunft der Bohnen, warum man Milch nicht kocht: Milo hat das gelernt wie früher Typografie – besessen und mit Notizbuch.

„Ich wollte nie ein Coffee Lab. Ich wollte einen Laden, in dem man zehn Minuten länger bleibt, als man vorhatte.“

Kapitel 03

2019. Kündigung, Kredit, La Marzocco.

Zurück in Berlin jobbte Milo nebenbei in einer kleinen Rösterei – Säcke schleppen, Bohnen probieren, Leuten zuhören, die seit zwanzig Jahren nichts anderes machen. 2019 hat er seinen Agenturjob gekündigt. Per Mail. Mit einer einzigen Folie.

Mit seinen Ersparnissen, einer gebrauchten La-Marzocco-Siebträgermaschine von Kleinanzeigen und seiner damaligen Geschäftspartnerin Nora Weiss hat er einen winzigen Laden im Schillerkiez gemietet. Drei Tische, eine Bank, keine Website. Die Idee passte auf einen Bierdeckel: kein schickes Café, kein Starbucks, kein „Coffee Lab“. Einfach ein Ort, an dem man morgens seinen Kaffee bekommt und die Menschen hinter der Theke kennt.

Es kamen erst die Nachbarn. Dann die Designerinnen aus dem Coworking um die Ecke, die Musiker aus dem Proberaum im Hinterhof, Studis mit Laptop, Eltern mit Kinderwagen, Freelancer mit vier Prozent Akku. Und ein Hund namens Kalle, der bis heute nichts bestellt.

Fact sheetOhne Gewähr, mit Liebe
Hände an der Siebträgermaschine, Espresso läuft in ein Glas, Schwarzweißfoto
Die Maschine. Älter als manche Gäste.

Things you should know about Milo.

  • Favourite coffeeFlat White
  • Favourite Berlin placeTempelhofer Feld at 6:30 AM
  • Worst business decisionBuying a 1978 Vespa. Sie fährt manchmal.
  • Kann nichtSmall Talk über Bohnen-Scores
  • Kann sehr gutSich deine Bestellung merken
Kapitel 04

Heute.

Nora hat inzwischen ihre eigene Bäckerei, die Zimtschnecken kommen trotzdem noch von ihr. Der Laden ist ein bisschen größer geworden, die Maschine nicht jünger. Freitags laufen Platten, sonntags dauert das Frühstück so lange, wie es dauert, und einmal im Monat liest jemand eine Geschichte vor, die er am selben Abend geschrieben hat.

Kiez & Koffein ist keine Marke geworden, die man auf Präsentationen zeigt. Milo hält das für den größten Erfolg seiner Karriere.

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